Zu Thonet haben alle eine Meinung

Thonet · Frankenberg · Deutschland

Der Kaffeehausstuhl machte das Familienunternehmen Thonet weltberühmt. Mit Thorsten Muck hat sich die älteste Möbelmarke der Welt nun einen familienfremden Geschäftsführer ins Haus geholt. Wie blickt ein Unternehmen mit so viel Tradition in die Zukunft?

Interview von franziska · Fotos Peter Lorenz · 27. August 2015

Es wirkt recht verschlafen, dieses 15.000-Seelen-Städtchen namens Frankenberg im tiefsten Hessen, irgendwo zwischen Marburg und Kassel gelegen. Hier ist man stolz auf die an diesem Ort beheimatete älteste Möbelmarke der Welt. Und auch wenn die Welt von der Existenz Frankenbergs wenig weiß, die Stühle, die hier gefertigt werden, sind auf dem ganzen Globus bekannt.

Für diesen Ruhm verantwortlich sind die außergewöhnlichen Biegetechniken, die man in dem fast 200 Jahre alten Unternehmen beherrscht: Der Kaffeehausstuhl aus Bugholz, den Firmengründer Michael Thonet 1859 erfand, hat sich bis heute über 60 Millionen Mal verkauft. Der Schweizer Architekt Le Corbusier schwärmte: „Noch nie ist Eleganteres und Besseres in der Konzeption, Exakteres in der Ausführung und Gebrauchstüchtigeres geschaffen worden.‟ Später, in den 1920ern, trat das Bauhaus mit der Idee an Thonet heran, dass ein Unternehmen, das Holz biegen kann, sicherlich auch Stahl in Form bringen könne. Und so war es: Der Freischwinger-Stuhl von 1926 wurde zur Sitz-Revolution. Der berühmte Möbelproduzent Nils Holger Moormann sagt: „Das leichte Wippen, die Produzierbarkeit, bot eine vollkommen neue Möglichkeit der Möbelgestaltung“.

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Michael Thonet galt als Visionär, als einer, der ganzheitlich dachte – mit eigenem Firmengeld, Wohnheimen und Supermärkten für die Arbeiter. 1819 gründete er in Boppard am Rhein eine eigene Werkstatt, bis Fürst von Metternich auf einer Ausstellung zu ihm gesagt haben soll: „Ich werde Sie bei Hofe empfehlen. Gehen Sie nach Wien, wenn Sie etwas werden wollen“. Also machte sich Thonet auf in Richtung Hauptstadt Österreichs, von dort aus wurde seine Marke weltbekannt. Er entwickelte Produkte, die aufs Wesentliche reduziert und zerlegbar, gleichzeitig ergonomisch und stabil waren. Über hundert Jahre später, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, wurden rund eine Million Möbelstücke jährlich in insgesamt sechs Werken gefertigt – eines dieser Werke war das im hessischen Frankenberg.

„Manche Möbelmarken verlieren komplett aus den Augen, wofür sie da sind – nämlich Menschen zu dienen. Eine gewisse Form der Demut ist in unserer Branche angemessen.“

– Thorsten Muck

Hier residiert heute die Marke und noch heute verbindet man mit dem Namen Thonet vor allem gebogene Bugholz- und Stahl-Möbel. Gleichzeitig erfindet sich das Unternehmen derzeit noch einmal neu. Die vergangenen Jahre waren schwierig, für die Möbelbranche insgesamt, und auch für Thonet, der Absatz ging stetig zurück. Im Herbst 2013 holte man sich Unterstützung von außen mit der Beteiligungsgesellschaft Afinum als Investor und Thorsten Muck als familienfremden CEO. Mittlerweile wächst der Umsatz wieder.

Herr Muck, Sie sind seit knapp zwei Jahren für Thonet tätig. Bevor Sie zu dem Unternehmen stießen, wurde es in fünfter Generation von der Familie geführt. Warum entschied man sich dafür, einen Externen die Geschehnisse in die Hand nehmen zu lassen?

Es ist schwierig in einer Familiengesellschaft die Leitung abzugeben, klar. Teilt der familienfremde Manager die gleiche Haltung, die gleichen Werte – wie geht der mit der Marke um? Ich denke, mit mir hat es einfach gepasst. Die Thonets haben 200 Jahre Tradition auf der Schulter. Da tue ich mich als Externer sicherlich mit manchen Entscheidungen leichter, denn ich trage nicht den Namen. Dennoch muss ich die Werte und die Haltung des Unternehmens respektieren und weiterentwickeln.

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Sie sprechen schon wieder von Haltung, während Sie uns heute durch das Werk führten, fiel das Wort immer wieder, Nils Holger Moormann spricht auch von der Thonet-Haltung – beschreiben Sie diese mal.

Da geht es um viele Details. Am Ende beschreibt sie den Filter, durch den wir unsere Welt sehen. Wir haben ein Leitbild entwickelt, das ist überschrieben mit den Worten: echt, klar und kompromisslos. Wir wollen klar wahrnehmbar sein. Es geht uns um Nachhaltigkeit und um konkrete Produktgestaltung. Wird zum Beispiel ein Stuhl produziert, darf nicht mehr Material weggefräst werden als am Stuhl später dran ist. Die Möbel müssen für den Nutzer gut zu gebrauchen sein. Die Marke darf sich nicht in den Mittelpunkt stellen. Derjenige, der das Produkt später nutzt, steht im Mittelpunkt, und drumherum müssen wir ein Angebot machen.

Wie sieht das aus, wenn sich eine Marke in den Mittelpunkt stellt?

Ich habe Dinge auf Messen erlebt, da stehen Bodyguards vor den Ständen und lassen nur Leute rein, die eingeladen sind, dort muss man sein Handy abgeben, damit man keine Fotos macht. In solchen Fällen verliert eine Möbelmarke komplett aus den Augen, wofür sie da ist – nämlich Menschen zu dienen. Eine gewisse Form der Demut ist in unserer Branche angemessen.

„Als Familie sind die Thonets sehr herzlich im Umgang miteinander. Sie sind sich der Tradition bewusst, ebenso der Tatsache, dass man bei dieser Firma immer sehr genau und sehr kritisch hinschaut.“

– Thorsten Muck

Welche Rolle spielen die Thonet-Erben, die das Unternehmen vor Ihnen führten, heute noch im Alltagsgeschäft?

Sie sind Gesellschafter, Mitglieder im Beirat – sie schauen mir also auf die Finger. Und sie spielen eine aktive Rolle. Philip Thonet macht unser Nordamerika-Geschäft, Percy Thonet das Österreich-Geschäft, Felix Thonet leitet das Geschäft in Köln und Düsseldorf. Und sie dienen als Markenbotschafter. Peter ist oft bei Händlern und hält Vorträge. Philip fährt viel zu Architekturbüros. Sie sind vielfältig eingebunden. Ich halte es auch für wichtig, dass in einem Unternehmen, das einen solchen Namen trägt, die Familie eine aktive Rolle spielt.

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Was sind die Thonets für Leute?

Als Familie sind sie sehr herzlich im Umgang miteinander. Und sie sind sich durchaus der Tradition bewusst, ebenso der Tatsache, dass man bei dieser Firma immer sehr genau und sehr kritisch hinschaut.

„Ob mit dem Bugholzthema oder dem Thema Bauhaus, Thonet war oft Avantgarde. Heute fragen die Leute: Wann macht Ihr die dritte Sensation?“

– Thorsten Muck

Was meinen Sie?

Bei allem, was Thonet macht, scheint es so, als ob etwa die Presse oder andere Designer, sofort eine Meinung dazu haben. Wir können es uns nicht erlauben, eine Entscheidung dem Zufall zu überlassen. Aber das tun wir schon vor unserem eigenen Wertehintergrund nicht.

Warum ist man mit Thonet so kritisch?

Das Thema Stuhl an sich scheint sehr emotional. Da kann man sich natürlich fragen, warum das eigentlich so ist. Ich glaube, der Stuhl hat eine zentrale Bedeutung in der Gestaltung eines Raumes, er verleiht ihm Atmosphäre und Aussage. Der Stuhl entscheidet, ob ein Raum modern oder konservativ wirkt. Möglicherweise klingt das etwas esoterisch, aber vielleicht ist der Stuhl ein so wichtiges Element, weil er die Menschen, die darauf sitzen, mit der Erde verbindet. Und einem Unternehmen, das die Geschichte dieses Möbels entscheidend mitgeprägt hat, wird einfach eine besondere Bedeutung beigemessen. Ob mit dem Bugholzthema oder dem Thema Bauhaus, Thonet war oft Avantgarde. Heute fragen die Leute: Wann macht Ihr die dritte Sensation?

Ein knapp 200 Jahre altes, fast durchweg von Familienhand geführtes Unternehmen wird plötzlich von jemandem geleitet, der die Dinge ändern, besser machen soll. Klingt nach einer verdammt schwierigen Aufgabe für Sie.

Davon sollte man sich frei machen. Man muss eine gute Mischung finden aus Konsequenz, Zurückhaltung und Energie, die Dinge zu verändern. Das funktioniert nur, indem man sich bemüht, alle Leute mitzunehmen und keinen vor den Kopf zu stoßen. Denn, was auch immer derjenige gemacht hat, am Ende hat sich jeder was dabei gedacht und in der Regel war es gut gemeint. Die Kunst ist, mit den Kollegen zusammen eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Denn einer alleine richtet gar nichts aus.

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In einem Film über Thonet sagt der Möbeldesigner Nils Holger Moormann: „Eine Familie kann auch mal eigenwillig sein, gegen den Strom schwimmen, einen anderen Kurs fahren, gegen klassische Marktregeln verstoßen.“ Haben Sie Beispiele für die Eigenwilligkeit?

Schaut man auf die Thonet-Geschichte, wird das zweimal sehr deutlich. Das Thema Bugholz war ein klassischer Bruch mit allem, was es bis dahin im Bürgertum gab. Ebenso das Thema Bauhaus. Ich denke nicht, dass man bewusst gegen Marktregeln verstoßen muss, nur um zu provozieren. Wir schauen nicht auf den Wettbewerb, sondern auf uns und das, was wir meinen, in uns zu tragen. Ist ein Unternehmen so klein, wie wir es mit unseren 190 Mitarbeitern darstellen, muss es seine gesamte Kraft bündeln. Mit dem bisschen Energie, das wir haben, sollten wir versuchen, wie ein Leuchtturm unsere Botschaft möglichst stark zu bündeln und weit zu verbreiten.

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Sie sagen, vor allem junge Käufer hätten ein wertkonservatives Image von Thonet – was tut man da als älteste Marke der Welt?

Deutlich machen, dass wir gar nicht so alt sind.

Und wie?

Zum einen spielen wir mit den Klassikern, weil diese unglaublich viel hergeben. Vor zwei Jahren haben wir die Bauhaus-Möbel wieder in Stahlrohrfarben gezeigt. Das war eine Rückbesinnung auf den Beginn des Bauhauses, da waren die Gestelle alle lackiert, irgendwann wurden sie vernickelt, dann verchromt. Also haben wir sie wieder lackiert gezeigt. So verdeutlichen wir: Die Dinge, die damals gemacht wurden, haben noch heute ihre Gültigkeit. Wir versuchen die Tradition mit der Moderne zu verbinden. Zum Beispiel haben wir kürzlich den 209er genommen, das ist ein Stuhl, der ist über 100 Jahre alt, und ihn in ganz bunten Farben mit einem schrillen Filzstoff von Kvadrat bezogen. Das zeigt, wie gut diese archetypische Formensprache in der heutigen Zeit funktioniert. Wir haben junge Leute in der Produktentwicklung eingestellt, die gucken mit ganz anderen Augen auf das Unternehmen. Auch arbeiten wir mit externen Designern zusammen. Wir versuchen immer eine Balance zu halten und die alten Werte in die Zukunft zu transportieren. Und es funktioniert: der Absatz der Bugholzmöbel wächst zweistellig, allgemein zieht die Nachfrage nach den Klassikern gerade enorm an.

Bevor Sie bei Thonet anfingen, waren Sie im Beleuchtungssegment tätig. Was reizt Sie am Geschäft mit Möbeln in Deutschland?

Die Vielschichtigkeit. Wie gesagt, es ist kein einfaches Geschäft, vor allem derzeit. Zum einen gibt es den Kampf im stationären Handel und gleichzeitig die Frage, wie man mit den Herausforderungen des Internets fertig wird. Ich hatte gleich, als ich hier loslegte, Termine, nach denen ich dachte: Boah, was ist das für eine tolle Branche! Die Leute haben ein Designverständnis, die kennen sich mit Architektur aus, sind auf kulturell hohem Niveau und gleichzeitig müssen es ganz toughe Geschäftsleute sein, damit sie die Sachen verkauft kriegen. Das ist ein Spannungsfeld, das ich so noch nie kennen gelernt habe.